Vereinsgeschichte

Der SVJ feiert 2020 seinen 100. Geburtstag und kann auf eine bewegte Geschichte zurĂŒckblicken

GrĂŒndung in einer schweren Zeit

Es gehörte schon eine große Portion Mut dazu, als die GebrĂŒder August, Benny und Ferdinand Sigg am 1. MĂ€rz 1920 den FC Jestetten grĂŒndeten. Der erste Weltkrieg mit all seinen schweren Folgen war gerade erst zu Ende gegangen und der Großteil der Bevölkerung hatte bei der herrschenden Not und Armut noch recht wenig VerstĂ€ndnis fĂŒr die jungen MĂ€nner, die sich in jenem FrĂŒhling um die GebrĂŒder Sigg scharten. Dies sollte sich jedoch schon bald Ă€ndern.

Die GrĂŒndungsmannschaft des damaligen „FC Jestetten“ im Jahr 1920
Das GrĂŒndungsprotokoll des FC Jestetten. Erster PrĂ€sident der Vereinsgeschichte war Fritz Danner, SpielfĂŒhrer August Sigg.

In den ersten Jahren wurden die meisten Spiele gegen Mannschaften aus dem umliegenden Schweizer Grenzgebiet und dem Klettgau ausgetragen. Erster Gegner war der katholische JĂŒnglingsverein Neuhausen, bei diesem Spiel konnte dann auch der erste Sieg der Vereinsgeschichte errungen werden.

Im Juli 1921 fand ein erstes, zweitĂ€giges „Tournier“ auf dem von Friedrich Meister im Heuberg gepachteten Sportplatz statt. Die 20 teilnehmenden Mannschaften waren in einem Massenlager im Schulhaus untergebracht. Außerdem stellten sich auch auswĂ€rts erste Erfolge ein: Im gleichen Jahr wurde bei einem Turnier im Nachbarort Altenburg der erste Preis in der A-Klasse errungen.

Fußball im Spiegelbild von Armut, Inflation und Nazi-Diktatur

Bereits in den Protokollen 1922 und 1924 wird ĂŒber akuten Spielermangel geklagt. Viele aktive Mitglieder zogen, bedingt durch Inflationszeit und Arbeitslosigkeit, von Jestetten weg. Aus dieser Situation heraus schloss sich der junge Verein im MĂ€rz 1923 dem Turnverein Jestetten als selbststĂ€ndige Abteilung an. Eine Eintragung ins Vereinsregister erfolgte dabei aber nicht. Viele Unstimmigkeiten, Kompetenzgerangel und dauernder Streit wegen eines Sportplatzes fĂŒhrten dann im Januar 1925 wieder zur Trennung und EigenstĂ€ndigkeit. Der Verein trat dem Kantonalen Fußballverband Schaffhausen bei.

Die finanzielle Situation der damaligen Zeit wird durch Protokollaufzeichnungen am besten verdeutlicht: Bei der Generalversammlung am 3. MĂ€rz 1923 erbrachte der Einzug der MitgliedsbeitrĂ€ge einen Betrag von 3.900, – Mark. Der Aktivbeitrag wurde auf monatlich 100 Mark festgesetzt. Im Protokoll vom 9. Oktober 1924 wird vermerkt: Der monatliche Beitrag wird von 30 cts auf 50 cts erhöht. Zwischenzeitlich war wohl zwangslĂ€ufig auch die finanzielle Orientierung in Richtung Schweiz erfolgt.

Dass der Verein auch in sportlicher Hinsicht neue Wege ging, zeigte die GrĂŒndung einer ersten Juniorenmannschaft Ende der Zwanziger Jahre. Leiter war zu dieser Zeit das spĂ€tere SVJ-Ehrenmitglied Paul Sigg.

Die politischen VerhĂ€ltnisse in den Dreißiger Jahren, verbunden mit der herrschenden Arbeitslosigkeit, dem Wegzug vieler aktiver Spieler und die VerĂ€nderung der allgemeinen Lebensbedingungen durch die Aufhebung des damaligen Zollausschlussgebietes wirkten sich derart negativ auf das Vereinsleben aus, dass ein geordneter Spielbetrieb immer schwieriger wurde. Zudem war bei dem damaligen Machthabern des NS-Regimes der aus England kommende Fußballsport nicht besonders beliebt.

Die letzten Aufzeichnungen stammen vom 24. April 1936. ProtokollfĂŒhrer war damals Andreas Aulfinger, spĂ€ter Ehrenmitglied und Vereinsmasseur beim SVJ. Hierbei wurde eine Generalversammlung auf den 30. April 1936 festgesetzt. Über diese Versammlung existieren bereits keine Unterlagen mehr


Immer wieder geht die Sonne auf – Neustart nach dem 2. Weltkrieg

Der zweite Weltkrieg mit all seinen schrecklichen Folgen war noch ĂŒberall gegenwertig als wiederum einige junge Menschen den Blick nach vorn richteten und trotz aller Widrigkeiten, unsĂ€glichem Leid und großer Not einen Neuaufbau wagten. Das damalige Versammlungsverbot der französischen MilitĂ€rregierung konnte es nicht verhindern, dass 1946 eine geheime WiedergrĂŒndung unter dem heutigen Vereinsnamen „Sportverein Jestetten“ erfolgte.

Am 10. Mai 1947 konnte dann mit Genehmigung der MilitĂ€rregierung die offizielle WiedergrĂŒndung erfolgen. Der 1. Vorsitzende war Max Frank. Den GrĂŒndungsausschuss komplettierten Paul Sigg und Albert Wipf. Neue Heimat des Vereins wurde das GelĂ€nde im See, am Ă€ußersten Rand des Dorfes.

Das Datum des ersten Protokolls nach Wiederbeginn ist der 21. August 1947. Der Verein hatte seinerzeit 36 Mitglieder. ProtokollfĂŒhrer war Max Weiß. Die damaligen Statuten sowie sĂ€mtliche Protokolle ĂŒber die Versammlungen mussten ins Französische ĂŒbersetzt und der MilitĂ€rregierung vorgelegt werden. Ebenso mussten alle neu eingetretenen Mitglieder gemeldet werden.

In den Nachkriegsjahren beschrĂ€nkte sich der Spielbetrieb zwangslĂ€ufig auf Freundschaftsspiele. Ende des Jahres 1948 nahmen mehrere Vorstandsmitglieder an der GrĂŒndung des SĂŒdbadischen Fußballverbandes (SBFV) teil. Seit der Saison 1949/50 nimmt der SV Jestetten an den Rundenspielen des SBFV teil. Man startete zunĂ€chst in der Kreisklasse. Der erste Aufstieg in die A-Klasse (heutige Bezirksliga) gelang in der Saison 1957/58.

Im Jahr 1949 konnte vom Zoll eine ausgediente HolzhĂŒtte erworben werden. Diese diente dem Verein viele Jahre als GerĂ€tehaus, zudem wurden ZusammenkĂŒnfte im kleineren Kreis dort abgehalten. Bis zum Bau des Vereinsheimes im Jahr 1973 erfĂŒllte diese HĂŒtte mehr oder weniger ihren Zweck. Dusch- und UmkleiderĂ€ume waren zunĂ€chst im Schulhaus untergebracht, spĂ€ter in der Gemeindehalle.

Ein sportliches Auf und Ab

Im Spieljahr 1958/59 wurde erstmals eine Jugendmannschaft Meister der A-Klasse und erreichte außerdem den Aufstieg in die Sonderstaffel. Der Erfolg der Jugend sollte sich aber zunĂ€chst nicht allzu positiv auf die Aktivmannschaft auswirken. Vielmehr entsprach die sportliche Entwicklung der einer Fahrstuhlmannschaft.

Erstmal erreicht in der Saison 1958/59 eine Jugendmannschaft den Aufsteig in die Sonderstaffel.

Nur zwei Jahre nach dem Aufstieg 1958 musste man die A-Klasse mit nur 5 erzielten Punkten verlassen. Es folgten sechs Jahre in der B-Klasse (heute Kreisliga A). Zwischen 1963 und 1965 wurde man dreimal hintereinander Meister, verpasste aber in den Entscheidungsspielen zunÀchst den Aufstieg. Erst im dritten Anlauf gelang die Bezirksmeisterschaft und man stieg abermals in die A-Klasse auf. Das Gastspiel wÀhrte aber auch diesmal wieder nur kurz. Nach drei Jahren musste die 1. Mannschaft nach der Saison 1967/68 abermals den bitteren Gang in die B-Klasse antreten.

Der Verein wĂ€chst – und baut seine Anlage aus

Trotz der sportlichen Stagnation konnte der Verein mehr und mehr die Infrastruktur ausbauen. Am 16. Juni 1968 ging ein langgehegter Wunsch des Vereins in ErfĂŒllung. Der neue Sportplatz, das heutige Hauptspielfeld wurde von BĂŒrgermeister Holzscheiter dem SVJ ĂŒbergeben.

Auf dem Trainingsplatz (alter Platz an der Seestraße) wurden 1969 zur Verbesserung der Trainingsmöglichkeiten drei Flutlichtmasten erstellt. Ein weiterer Lichtmast mit 2 Halogenlampen folgte dann im Jahr 1974.

Der Bau des seit vielen Jahren herbeigesehnten Vereinsheimes erfolgte 1972/73. Der Anbau mit zusĂ€tzlichen RĂ€umlichkeiten wurde 1979/80 erstellt. Eine umfassende Sanierung der Kabinen- und GerĂ€te-RĂ€umlichkeiten erfolgte 2006/07. Das Vereinsheim inklusive der KĂŒche wurde 2019 grundlegend saniert.

Im Jahr 1976 wird unter dem Vorsitzenden Fritz Knapp um das Spielfeld des Hauptplatzes eine Bande zur Firmenwerbung angebracht. Die Einnahmen aus diesen WerbevertrÀgen sind bis heute wichtiger Bestandteil der Vereinseinnahmen. Sie werden heute durch den Förderverein verwaltet und kommen der Finanzierung der Jugendausbildung und des Spielbetriebs zu Gute.

Ein Dorfverein setzt zum Höhenflug an – Der SVJ und das Abenteuer Landesliga

Auch sportlich geht es nach und nach Berg auf. Nach dem Abstieg 1968 wird die 1. Mannschaft zunĂ€chst viermal hintereinander Vizemeister der B-Klasse, und steigt 1973 ein weiteres Mal auf. Die Freude wĂ€hrte nur kurz. Dem erneuten Abstieg folgte postwendend der Aufstieg samt Bezirksmeisterschaft in der Saison 1974/75. Von nun an sollte sich die Mannschaft in der A-Klasse konsolidieren. Einem 10., 3. und 6. Platz folgte in der Saison 1978/79 schließlich der absolute sportliche Höhepunkt der Vereinsgeschichte: Unter Trainer Roli Frei wird die 1. Mannschaft Meister der Bezirksliga Oberrhein und schafft damit den Aufstieg in die Landesliga SĂŒdbaden, Staffel 2.

Eine Sensation fĂŒr den Dorfverein SV Jestetten: Die Meisterschaft der Bezirksliga, verbunden mit dem Aufstieg in die Landesliga SĂŒdbaden.

„Des einen Freud, des anderen Neid!“ Vielen Unkenrufen zum Trotz („Die steigen schneller wieder ab, als sie rennen können“) konnte sich die 1. Mannschaft wĂ€hrend sieben Jahren in dieser Klasse halten. Dabei waren renommierte Vereine wie der FC Emmendingen, der Freiburger FC II, SV Laufenburg und auch die Amateure des heutigen Bundesligisten SC Freiburg GĂ€ste im Jestetter Seestadion. Nach der Saison 1985/86 war das „Abenteuer“ Landesliga fĂŒr den SVJ dann wieder Geschichte. RĂŒckblickend war die Zeit aber eine absolute Sensation fĂŒr den kleinen Dorfverein aus dem Jestetter Zipfel.

Noch zu Landesliga-Zeiten, im Jahr 1985, wurde als weiterer Trainingsplatz ein Rindenplatz angelegt. Leider entsprach die Lebensdauer dieses Platzes in keiner Weise den Vorstellungen des Vereins und der Gemeinde. Zehn Jahre nach Eröffnung des Platzes, wurde er in einen All-Wetter-Hartplatz umgebaut. Heute befindet sich an dieser Stelle der 2020 eröffnete Kunstrasenplatz.

Seit Mitte der Achtziger Jahre etablierte sich beim SVJ eine 3. Mannschaft, sowie eine Damenmannschaft. Nach zwischenzeitlichem Wechsel zum FC Schaffhausen, konnte diese 1993/94 die Bezirksmeisterschaft erringen und den Bezirkspokal nach Jestetten holen. Lange Zeit spielten die SVJ-Damen in der Landesliga. Nach der Saison 2002/03 meldete sich die Mannschaft beim SVJ ab und schloss sich fortan dem FC Dettighofen an. Die 3. Mannschaft musste ihren Spielbetrieb aufgrund von Spielermangel einstellen.

„Back to the roots“ – Wieder eine Fahrstuhl-Mannschaft

Die 1. Mannschaft knĂŒpfte indes nach dem Landesliga-Abstieg an ihr altes Image als Fahrstuhlmannschaft an. Nach drei Jahren in der Bezirksliga musste man den Gang in die Kreisliga A antreten. In den neunziger Jahren erfolgte dreimal der Aufstieg in die Bezirksliga. Unvergessen ist den Beteiligten bis heute der Aufstieg in der Saison 1998/99. Im Entscheidungsspiel um den Aufstieg gegen den VfR Bad Bellingen lag man zur Pause schon 0:4 zurĂŒck, konnte aber dank einer enormen Leistungssteigerung noch 7:4 nach VerlĂ€ngerung gewinnen.

Der Aufstieg 1999 war ein ganz besonderer: Im Entscheidungsspiel setzte sich der SVJ nach VerlÀngerung mit 7:4 gegen den VfR Bad Bellingen durch. Ein Jahrhundertspiel.

Auch in den 2000er-Jahren gelang es dem SVJ nicht, sich in der Bezirksliga zu etablieren. „Zu gut fĂŒr die Kreisliga A, zu schlecht fĂŒr das Bezirksliga-Mittelfeld“, brachte das Dilemma ein ums andere Mal auf den Punkt. Zweimal (2004/05 und 2007/08) gelang die viel umjubelte Meisterschaft in der Kreisliga A, doch stieg man bereits nach zwei bzw. einem Jahr wieder ab. Dem abermaligen Aufstieg 2013 folgte die prompte RĂŒckkehr in die Kreisliga A.

Sportliche KontinuitĂ€t kehrte erst mit der Verpflichtung von Michele Masi als Trainer der 1. Mannschaft ein. In der Saison 2014/15 schaffte er mit dem Team den souverĂ€nen Aufstieg in die Bezirksliga. Dort etablierte sich der SVJ im Mittelfeld und geht in der Saison 2020/21 in das 6. Bezirksliga-Jahr in Folge. Man scheint also endlich in ruhigeren Fahrwassern angekommen zu sein.  

Das große 100-jĂ€hrige VereinsjubilĂ€um mit Gala-Abend und Familientag im MĂ€rz 2020 gab Anlass, die Vergangenheit nochmals aufleben zu lassen und gleichzeitig den Blick in die Zukunft zu schĂ€rfen. Eine Zukunft, fĂŒr die der SVJ mit der Etablierung der 1. Mannschaft in der Bezirksliga, einer breit aufgestellten Jugendabteilung und einer nahezu perfekten Infrastruktur, gerĂŒstet ist.